Auf dem Strommarkt herrscht Chaos, denn die Strompreise erreichen 70 Cent
Wie der Börsenpreis an der EEX im Spätsommer 2022 auf rund 70 Cent je Kilowattstunde stieg und welche Ursachen dahinter lagen.
Im Spätsommer 2022 kostete Strom an der Börse zeitweise rund 70 Cent je Kilowattstunde. Das war kein Endkundenpreis, sondern der reine Großhandelspreis ohne Steuern und Abgaben, und er lag damit etwa beim Zehnfachen des Niveaus, das über Jahre als normal galt. Der Rückblick lohnt sich, weil die Ursachen dieses Ausschlags zeigen, woran der Strompreis tatsächlich hängt.
Wie hoch stieg der Börsenpreis im September 2022 genau?
Am Spotmarkt der Strombörse EEX überstieg der deutsche Kontrakt erstmals 700 Euro je Megawattstunde, in der Spitze wurden rund 710 Euro erreicht. Umgerechnet sind das etwa 70 Cent je Kilowattstunde, ein Anstieg um rund zehn Cent innerhalb einer Woche. Der französische Kontrakt lag zeitweise bei 800 Euro und pendelte sich bei gut 700 Euro ein.
Parallel erreichte der europäische Erdgas-Referenzpreis mit 324 Euro je Megawattstunde einen Höchststand. Dieser Gleichlauf ist kein Zufall, sondern Folge der Merit-Order: Den Strompreis setzt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch gebraucht wird, und das war in diesen Stunden regelmäßig ein Gaskraftwerk.
Welche Ursachen trafen gleichzeitig zusammen?
Es waren vier Entwicklungen, die sich überlagerten. Erstens die Sorge um ausbleibende russische Gaslieferungen, die Versorger zu Einkäufen auf Vorrat veranlasste. Zweitens die französische Kernkraft, deren Verfügbarkeit wegen Korrosionsbefunden und Revisionen auf den niedrigsten Stand seit Jahren gefallen war, sodass Frankreich importierte statt zu exportieren.
Drittens das Niedrigwasser des Rheins. Der Fluss ist der wichtigste Transportweg für Kohle zu den süddeutschen Kraftwerken, und bei niedrigem Pegel können Binnenschiffe nur teilbeladen fahren. Einige Kohlekraftwerke mussten deshalb mit knappen Vorräten und unregelmäßig laufen. Viertens die anhaltende Trockenheit, die zugleich die Wasserkraft schwächte.
Welche politischen Reaktionen folgten auf den Preisanstieg?
Die Debatte drehte sich im Kern um zusätzliche Erzeugung. Diskutiert wurde die Rückkehr stillgelegter Kohlekraftwerke in den Markt und die Verlängerung der Laufzeiten der verbleibenden Kernkraftwerke. Beides zielte auf dieselbe Stelle: Gaskraftwerke aus der preissetzenden Rolle zu verdrängen.
Dazu kamen Aufrufe zum Energiesparen an Haushalte und Industrie. Die Bundesbank hielt eine Rezession für wahrscheinlich, falls sich die Lage über den Winter weiter zuspitzt. Beides zusammen, zusätzliche Erzeugung und sinkende Nachfrage, wirkt in der Merit-Order in dieselbe Richtung.
Warum traf der Preisanstieg Deutschland besonders?
Der deutsche Strommix war zu diesem Zeitpunkt stärker von Gas abhängig als der vieler Nachbarländer, und die Industrie ist energieintensiver. Ein Preisschock im Großhandel wirkt dort doppelt: über die eigene Stromrechnung und über die Produkte, die mit diesem Strom hergestellt werden.
Hinzu kam der Wechselkurs. Der Euro fiel in dieser Phase auf den niedrigsten Stand seit rund zwei Jahrzehnten, was importierte Energie zusätzlich verteuerte, weil Gas und Kohle international in Dollar gehandelt werden.
Was lässt sich aus dem Ausschlag von 2022 für heute ablesen?
Vor allem dreierlei. Erstens: Der Börsenpreis ist kein Abbild der Erzeugungskosten, sondern des knappsten Kraftwerks in der jeweiligen Stunde. Zweitens: Wetter wirkt auf beiden Seiten, es senkt die Erzeugung aus Wasser und Wind und erhöht gleichzeitig den Bedarf. Drittens: Ein Preis am Spotmarkt ist eine Stundengröße, kein Jahreswert, und Endkundentarife folgen ihm mit erheblicher Verzögerung und geglättet.
Für Haushalte heißt das vor allem eines: Ein Rekordwert in einer einzelnen Handelsstunde sagt wenig über die Rechnung im nächsten Jahr aus. Aussagekräftiger sind die Terminmarktpreise für das Folgejahr, denn an denen orientieren sich die Versorger bei der Tarifkalkulation.